40 Jahre KEMPER – das Interview: „Schweißrauch galt früher teilweise als gesund“

Kampf dem Schweißrauch seit 40 Jahren: KEMPER ist Pionier in der Schweißrauchabsaugung. Gründer Gerd Kemper blickt im Interview mit arbeitsschutz-schweissen.de zurück.

Mit Bauchgefühl, Mut und natürlich auch einer belastbaren Zahlenbasis machte sich Gerd Kemper 1977 zu einer Mission auf: saubere Luft am Arbeitsplatz beim Schweißen. Was auf viele in den Anfängen befremdlich wirkte, entpuppte sich seiner Erwartungen entsprechend als vitales Geschäftsfeld. 40 Jahre nach Gründung der KEMPER GmbH – Stichtag 17. März 1977 – blickt Gerd Kemper zurück auf sein Unternehmen und die Branche selbst.

"Schweißrauch galt früher teilweise als gesund", sagt KEMPER-Gründer Gerd Kemper.

„Schweißrauch galt früher teilweise als gesund“, sagt KEMPER-Gründer Gerd Kemper.

Erste Absaugeinheiten gab es zu dieser Zeit bereits in Schweden. Mit seinem Wissen über Schweißrauch entwickelte Gerd Kemper seine Geschäftsidee für den deutschen Markt. In der heimischen Garage konstruierte er die erste Punktabsaugung im deutschsprachigen Raum. Von einem Ein-Mann-Betrieb formte er das Unternehmen zum Welttechnologieführer im Bereich der Absaugtechnik. Heute kommt die KEMPER-Technik in rund 100.000 Betrieben in 50 Ländern rund um den Globus zum Einsatz. Der Mittelständler mit 300 Beschäftigten weltweit wird im Weltmarktführerindex der Uni St. Gallen geführt. Bei wichtigen technischen Weiterentwicklungen bringt Gerd Kemper sein Know-how ein. Für die Zukunft sieht er ein großes Potenzial in der Luftreinhaltetechnik.

Herr Kemper, Sie gelten als Pionier in der Schweißrauchabsaugung: Sehen Sie Ihre Mission bereits erfüllt?
Nein, auf keinen Fall. Heute gibt es zwar viel mehr Unternehmen, die auf einen angemessenen Arbeitsschutz für ihre Mitarbeiter achten. Ein sauberes Arbeitsumfeld herrscht aber bei weitem nicht überall. Solange es Betriebe gibt, die zweimal am Tag vorne und hinten das Rolltor hochfahren, um die Schweißrauchdecke aus der Hallenluft zu vertreiben, haben wir noch viel Arbeit vor uns. Zugegeben, heute sind wir natürlich viel, viel weiter als vor 40 Jahren.

Wie stellt sich Ihnen der Vergleich früher zu heute dar?
Damals hätte niemand daran gedacht, dass wir heute schon Feinstaubpartikel messen. Der technische Wandel in den vergangenen 40 Jahren ist enorm. Damals waren wir froh, wenn Schweißer das Gesundheitsrisiko durch Schweißrauch überhaupt verstanden.

Schweißrauch galt früher zumindest als unbedenklich

Gab es denn gar keine Sensibilisierung für die Gesundheitsgefahr durch Schweißrauch?
Nein, in der Zeit der Gründung der KEMPER GmbH überhaupt nicht. Die Gefahr, sich beim Schweißen die Augen zu verblitzen, war jedem Schweißer bekannt. Schweißrauch galt früher dagegen als unbedenklich, teilweise sogar als gesund. So versuchte es zumindest der ein oder andere Schweißtechnik-Hersteller zu verkaufen. Diese Argumentation muss man sich vor Augen führen: Auf der einen Seite sollte Schweißrauch keine gesundheitlichen Folgen haben, auf der anderen Seite gab es für Schweißer täglich eine festgelegte Ration Milch – zur angeblichen Entgiftung. Ich verstehe bis heute nicht, wie das zusammen passt. Mancher behauptet bis heute, dass Milch gegen die Beeinträchtigungen durch Schweißrauch hilft. Das entbehrt aber natürlich jeder wissenschaftlichen Grundlage. Das ist nachgewiesen.

Mit dem System 9000 mobil entwickelte KEMPER das erste fahrbare Absauggerät gegen Schweißrauch mit abreinigbarem Filter.

Mit dem System 9000 mobil entwickelte KEMPER bereits 1993 das erste fahrbare Absauggerät mit abreinigbarem Filter.

Die Symptome wie das Schweißerfieber gab es aber doch schon früher. Wurde einfach darüber hinweg gesehen?
Nicht nur das: Die Schuld wurde teilweise sogar beim Schweißer selbst gesehen. Ich erinnere mich noch gut an Vorfälle in Schweißereien, die verzinkte Werkstoffe verarbeiteten. Schon am Montagmittag nach einer halben Schicht klagten Schweißer über Übelkeit. Sie mussten sich sogar teilweise erbrechen. Viele Betriebe sagten: „Wieder zu viel getrunken am Wochenende“, zumal die Symptome im Wochenverlauf abnahmen. Mit dem Wissen von heute hatten die Schweißer aber einfach eine Zinkvergiftung. Im Wochenverlauf gewöhnte sich der Körper zunehmend an die Kontaminierung. Die Symptome fielen dementsprechend immer schwächer aus. Am Wochenende dekontaminierte der Körper wieder und Montag ging es von Neuem los.

Wenn die Symptome eigentlich so klar waren, warum waren die Anfänge für Ihr neues Geschäftsfeld so schwer?
Das Wissen über die Gefahren durch Schweißrauch gab es in Deutschland gar nicht. Wir mussten echte Pionierarbeit auf dem Feld leisten – mit allen Unwägbarkeiten. Vor meiner Unternehmensgründung hatte ich während meiner Tätigkeit für ein schwedisches Unternehmen die ersten Absaugeinheiten gesehen. Dort gab es erste Untersuchungen über Schweißrauch. Die Schweden waren zu der Zeit schon viel weiter, auch wenn die Erkenntnisse in keiner Weise so weit fortgeschritten waren wie heute natürlich. Niemand in Deutschland hatte sich bis dato mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die ersten drei, vier Jahre waren daher bestimmt durch ein zähes Ringen um Aufträge. Darüber hinaus bekamen wir ziemlichen Gegenwind.

„Umweltschutz macht Arbeitsplätze kaputt. Das hat sich später als vollkommen falsch herausgestellt.“

Wie äußerte sich diese anfängliche Ablehnung?
Für die Betriebe war die Investition in die Absaugtechnik ein unerwünschter Kostenfaktor. Für Schweißtechnikhersteller war unsere Herangehensweise teilweise sogar reine Propaganda. Uns wurde oft entgegen gerufen: Mit eurer Haltung vernichtet ihr deutsche Arbeitsplätze. Die Furcht vor etwas Neuem war groß. Damals war die Devise in der Industrie generell: Umweltschutz macht Arbeitsplätze kaputt. Das hat sich später als vollkommen falsch herausgestellt. Eher hat der Arbeitsschutz Arbeitsplätze geschaffen.

Was haben die Schweißer selbst gesagt?
Das war zu Beginn das zweite Problem: Selbst alteingesessene Schweißer, für deren Gesundheit unsere Technik ja bestimmt war, stemmten sich gegen den Einsatz einer Absaugung. In Oberhausen hatte ich den Betriebsleiter bereits von der Anschaffung einiger Absaugungen überzeugt. Das wären 10.000 D-Mark gewesen – für damalige Verhältnisse ein super Auftrag. Am nächsten Tag rief er mich an und sagte kurzfristig doch ab.

Schweißrauchabsaugung wegen Verlust der Tagesration Milch abgelehnt

Mit welcher Begründung?
Die Belegschaft hatte ein Veto eingelegt. Sie hatten die Wahl: Absaugung oder Tagesration Milch. Da haben Sie sich für die Milch entschieden.

Mit dem System 8000 brachte KEMPER 1992 eine erste zentrale Filteranlage gegen Schweißrauch auf den Markt.

Mit dem System 8000 brachte KEMPER 1992 eine erste zentrale Filteranlage auf den Markt.

Sie scheinen extrem dicke Bretter gebohrt zu haben. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, in diesem Umfeld Fuß zu fassen?

Ich hatte das Glück, in einer Zeit auf dem Feld aktiv geworden zu sein, indem sich das Bewusstsein der Deutschen sukzessive änderte. Der Umweltschutzgedanke breitete sich immer mehr aus. Und je mehr er sich verbreitete, umso mehr wurde auch über Arbeitsschutz und die Persönliche Schutzausrüstung gesprochen. Aber niemand wusste wirklich, wie man die Ideen umsetzen konnte. Ich habe mich dann stark mit der Arbeitswelt auseinandergesetzt und hier einen großen Markt erkannt. Natürlich war das Potenzial durch die negative Haltung der Industrie am Anfang noch nicht so groß. Ich habe es auf lange Sicht gesehen. Dieser Glaube an unsere Idee sollte sich lohnen.

Wie haben Sie es schließlich geschafft, Ihr Geschäft auszubauen?
Natürlich bin ich zuerst auf die Schweißbetriebe zugegangen – allerdings überwiegend mit den schon beschriebenen Ergebnissen. Mit meinem Wissen über die Gefahren im Schweißrauch habe ich auch Verbände angesprochen und dort referiert. In Berufsschulen habe ich Kurse für den Schweißernachwuchs gegeben. In den Schulen kamen unsere Absaugungen dann auch vermehrt zum Einsatz. Die Schüler haben unsere Idee dann weiter in die Betriebe getragen. Das war sozusagen eine Revolution von ganz unten.

„Bis heute ist unser Know-how in Gesetzgebungsverfahren gefragt.“

Wie ging es weiter?
Die Erkenntnisse über die Gefahren durch Schweißrauch wurden immer feiner. Wir wussten am Anfang ja nur: Da ist eine Gefahr. Wir konnten sie aber nicht weiter einordnen. Die Berufsgenossenschaft ist dann verstärkt auf den Plan getreten, hat Untersuchungen durchgeführt. Dabei kam beispielsweise heraus, dass auch von den Zusatzwerkstoffen in den Elektroden erhebliche Gefahren für die Schweißer ausgingen. Solche Erkenntnisse mündeten in gesetzlichen Vorgaben. Wohlgemerkt: Die gab es am Anfang gar nicht. Bis heute ist unser Know-how in Gesetzgebungsverfahren übrigens gefragt. Gegenüber den Betrieben haben wir aber nie mit der Einhaltung der Gesetze argumentiert. Wir haben immer an das Gesundheitsbewusstsein der Betriebe und ihrer Schweißer appelliert. Das tun wir übrigens bis heute. Was nutzt die beste Absaugung, die selbst Nanopartikel aus der Luft filtert, wenn sie am Ende gar nicht oder nur unzureichend eingesetzt wird?

Wie hat sich die Technik generell weiterentwickelt?
Wenn ich zurückblicke, ist der technische Fortschritt ziemlich rasant verlaufen. Nach nicht einmal 20 Jahren hatten wir beispielsweise als erstes Unternehmen sogenannte Membranfilter im Programm. Diese scheiden selbst Feinstaubpartikel im Bereich von 100 Nanometern aus der Luft ab. Heute haben wir selbst Lösungen für die saubere, kontaminationsfreie Entsorgung dieser Staubpartikel. Seit vergangenem Jahr vernetzen wir Raumlüftungssysteme und Absauganlagen und lassen sie vollautomatisch kommunizieren. Und die Filtertechnik von heute hat sechs- bis siebenfach höhere Aufnahmekapazitäten als früher. Heute bestimmen wir sogar die Größe einzelner Partikel. Das ist schon beeindruckend.

Heute rückt die gesamte Hallenluft in den Fokus

In welche Richtung entwickelt sich die Branche weiter?
Zuerst muss die Gesetzgebung nachziehen. Heute gibt es die Möglichkeit, einzelne Feinstaubpartikel mit lasergestützten Systemen schon nach Größe zu messen. Unsere Branche greift aber auf Messmethoden zurück, die über die Wirksamkeit von Absauganlagen entscheiden, die vollkommen veraltet sind. Früher war die bis heute aktuelle Messmethode der Berufsgenossenschaft die bestmögliche.

Nicht nur der Schweißrauch am Arbeitsplatz rückt in den Fokus, sondern die Begutachtung der gesamten Hallenluft - zum Beispiel mit dem Luftüberwachungssystem AirWatch.

Nicht nur der Schweißrauch am Arbeitsplatz rückt in den Fokus, sondern die Begutachtung der gesamten Hallenluft – zum Beispiel mit dem Luftüberwachungssystem AirWatch.

Durch neue Messmethoden muss die Branche auch hier umdenken. Seit einiger Zeit treten wir daher entschieden für eine Grenzwertbemessung nach Partikelanzahl und Partikelgröße ein – und eben nicht mehr nach Gewicht. Das spielt auch vor dem Hintergrund eine Rolle, dass wir verstärkt dazu übergehen, die Hallenluft insgesamt zu betrachten. Nicht nur der Schweißer selbst benötigt Arbeitsschutz. Auch die umliegenden Mitarbeiter haben ein Recht auf eine saubere Luft. Eine 100-prozentige Erfassung an der Entstehungsstelle wird es nie wirklich geben. Daher benötigen wir Systeme wie unseren CleanAirTower, die die gesamte Hallenluft reinigen. Die Prinzipien aus der Metallverarbeitung lassen sich rein technisch wiederum mit genügend Entwicklungszeit auch auf andere Branchen übertragen. Für uns steckt da noch viel Potenzial hinter, das aber sorgfältig abgewogen werden muss.

Viele Betriebe werden darüber sicherlich sagen: Schon wieder ein Mehr an Investitionen! Was entgegnen Sie diesen?
Dass Sie die Entscheidung für Luftreinhaltetechnik nicht nur durch die Kostenbrille sehen sollen. Die grundsätzliche Haltung hat sich dazu Gott sei Dank geändert. Früher hieß es: Absaugtechnik schmälert die Produktivität – durch die nötige Nachführung bei der Punktabsaugung zum Beispiel. Heute heißt es: Arbeitsschutz steigert die Produktivität – durch einen gesünderen Mitarbeiter und weniger Fehltage. Früher gab es einzig einen Wettbewerb um die besten Produkte. Heute gibt es den Wettbewerb um die besten Mitarbeiter. Diese finden sich in der Regel in modernen Unternehmen wieder, die die Bedürfnisse der Mitarbeiter erkennen. Das ist früher wie heute gleich: Fortschrittlich denkende Unternehmen treiben den Arbeitsschutz für ihre Mitarbeiter voran.

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