Schweißer im Interview über Arbeitsschutz: „Reizungen der Atemwege durch Schweißrauch waren programmiert“

Ein stärkeres Bewusstsein für die Gefahren hinter Schweißrauch muss her. Trotz des hohen Gefährdungspotenzials steht es vielfach immer noch schlecht um den Arbeitsschutz. Im Interview schildert der gelernte Schweißer Tim Formell seine Erfahrungen beim Schweißen – sicherlich kein Regelfall, aber dennoch ein abschreckendes Beispiel, wie Betriebe die Gesundheit ihrer Mitarbeiter aufs Spiel setzen.

Mehr als sieben Jahre hat der 30-jährige Industriemechaniker der Betriebstechnik und staatlich geprüfte Techniker im Maschinenbau als Schlosser für einen mittelständischen Maschinenbauer gearbeitet. Neben Schlosserarbeiten in der Vor- und Endmontage, Drehen und Fräsen gehörte auch das Schweißen zu seinen Tätigkeitsfeldern. Dem Schweißen liegen seiner Meinung nach vielfach größere Gefahren inne.

Schweißvorhänge sind ein Bestandteil für einen effektiven Arbeitsschutz in Betrieben.Wir berichten hier regelmäßig über gesetzliche Vorgaben für den Arbeitsschutz beim Schweißen. Wie haben Sie den Arbeitsschutz erlebt?

Faktisch gar nicht. Eine Absaugung für das WIG-Schweißen war nicht vorhanden. Generell gab es für die Werkstattabluft nur eine kleine, etwa 1 x 1 Meter große Dachluke. Der Betrieb verfügte zwar über eine Schleifkabine mit Absaugung, aber diese befand sich auf der anderen Seite der Werkstatt. Der Schweißrauch wurde so aus der Schweißerei immer durch die gesamte Fertigung geleitet.

Das klingt nicht gerade nach Arbeitsschutz auf hohem Niveau.

Nein keinesfalls, auch die Trennwände zwischen den Schweißplätzen waren mangelhaft und teilweise nur aus Pappe gezimmert. Da die Trennwände nur rund 1,60 Meter hoch waren und viele Lücken durch die behelfsartige Bauweise entstanden, kam es häufig vor, dass man beim Arbeiten geblendet wurde.

Gab es denn gar keinen Schutz?

Zur Schutzausrüstung für Schweißer gehörten unter anderem ein Schweißschirm mit automatischer Verdunkelung und Schweißhandschuhe aus Leder. Nur der Schweißer selbst bekam eine Lederschutzjacke, nicht aber ein Helfer. Um die generelle Schutzkleidung musste sich jeder Mitarbeiter selbst kümmern.

„Beim WIG-Schweißen entsteht zwar nicht so viel Schweißrauch wie beispielsweise beim Elektrodenschweißen, allerdings enthält der Schweißrauch hochgiftige Stoffe“

Ist das aus Ihrer Sicht nicht besonders sträflich, die Mitarbeiter alleine zu lassen?

Ja, definitiv. Beim Schweißen kommen Verbrennungen am häufigsten vor – sowohl durch die heißen Bauteile als auch durch die intensive Strahlung. Wenn ein Kollege zum Beispiel eine Schweißkonstruktion erstellt und man diesem dabei hilft, kann es vorkommen, dass man sich die Augen verblitzt oder Verbrennungen auf der Haut erleidet. Das passiert gerade beim WIG-Schweißen sehr schnell, wenn man keine geeignete Schutzausrüstung trägt. Neben dem Elektrodenschweißverfahren für Maschinen aus Baustahl war WIG-Schweißen unser Tagesgeschäft.

Und wie sieht es mit den Gefahren durch Schweißrauch selbst aus?

Das ist natürlich die andere große Gefahr. Oft kommt man mit dem Schweißschirm so nahe ans Geschehen, dass der Rauch hinter den Schirm gerät. Beim WIG-Schweißen entsteht zwar nicht so viel Schweißrauch wie beispielsweise beim Elektrodenschweißen, allerdings enthält der Schweißrauch hochgiftige Stoffe.

Und da wurde in den ganzen Jahren nichts gegen getan?

In mehreren Jahren Betriebszugehörigkeit hatte sich trotz einiger Beschwerden nichts geändert. Tenor war immer: Die Arbeit wurde schon seit Jahrzehnten so gemacht und bis heute habe angeblich alles reibungslos funktioniert.

Nach Aussage von Schweißer Tim Forrell nutzt Arbeitsschutz auch den Betrieben bei der Mitarbeiterzufriedenheit.Was Sie nicht gerade bestätigen können…

Nein, das Schweißen selbst oder die Arbeit in der Nähe der Schweißplätze verursachte häufiger Kopfschmerzen. Reizungen der Atemwege durch Schweißrauch waren natürlich auch programmiert.

Haben Sie das Gefühl, hier Langzeitschäden davongetragen zu haben?

Zurzeit noch nicht, aber es können noch Spätfolgen in einigen Jahren auftreten. Ich hoffe es natürlich nicht, aber richtig wissen kann das heute niemand, der schweißt und keinen ausreichenden Arbeitsschutz hat.

Wie erleben Sie den Arbeitsschutz bei befreundeten Schweißern in anderen Betrieben?

Ich habe einige Bekannte, die in Betrieben arbeiten, in denen der Arbeitsschutz an erster Stelle steht. Dort werden regelmäßig Schulungen zum Thema Arbeitsschutz durchgeführt und es gibt einen Sicherheitsbeauftragten, bei dem man sich jederzeit Infos abholen oder auch Verbesserungen einreichen kann.

„In kleineren Betrieben wird oft wegen zu hoher Kosten auf einen ausreichenden Arbeitsschutz verzichtet, da bei den Arbeitern keine unmittelbare Belastung oder Erkrankung zu erkennen ist.“

Wie sähe für Sie der Musterbetrieb hinsichtlich Schutz vor Gefahren beim Schweißen wie Schweißrauch aus?

Für mich sähe ein derartiger Betrieb so aus, dass es an den Schweißplätzen eine konkrete Abschirmung zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen gibt und das für jeden Platz auch eine Absaugung vorhanden ist.

Sehen Sie einen Trend, dass es überwiegend in der Branche in eine andere Richtung geht?

Das hängt meiner Meinung stark von der Größe des Betriebes ab. In kleineren Betrieben wird oft wegen zu hoher Kosten auf einen ausreichenden Arbeitsschutz verzichtet, da bei den Arbeitern keine unmittelbare Belastung oder Erkrankung zu erkennen ist. Die Verantwortlichen denken also, dass es wohl schon nicht so schlimm sein wird. In großen, konzernartigen Betrieben steht oft ein Betriebsrat hinter den Mitarbeitern, die solch eine Art und Weise, wie es in kleinen Betrieben der Fall ist, nicht durchgehen lassen. Auch der Imageschaden bei einer eventuellen Klage ist nicht außer Acht zu lassen.

Arbeitsschutz wird nicht von allen Betrieben groß geschrieben.Warum sollten aus Ihrer Mitarbeitersicht Arbeitgeber auf einen maximalen Arbeitsschutz setzen?

Wenn ein Mitarbeiter merkt, dass alles Mögliche für eine Erleichterung oder den Schutz getan wird, erhöht das ungemein die Stimmung und man kann sich mit diesem Unternehmen identifizieren. Durch diese positive Einstellung wird die Produktivität enorm gesteigert. Sie können sich sicherlich vorstellen wie die Stimmung ist, wenn der Schutz nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Wie ist Ihre Wahrnehmung: Gibt es unter Schweißern selbst überhaupt ein Bewusstsein für die Gefahren speziell hinter Schweißrauch? Sind Schweißer zum Teil selbst schuld, wenn Sie sich nicht richtig schützen?

Das hängt oft von der Ausbildung, Erfahrung und Fachkenntnis des jeweiligen Schweißers ab. Sicherlich gibt es Schweißer, die nicht richtig informiert sind oder denen es schlichtweg egal ist.

Was empfehlen Sie Bewerbern, um beim Arbeitsschutz schon vor Aufnahme einer Tätigkeit auf Nummer sicher beim Arbeitsschutz zu gehen?

Man sollte sich die Produktionsstätte genau anschauen und auf gewisse Dinge achten wie z.B. Absauganlagen oder ordentlich abgetrennte Schweißplätze. Was auch helfen kann, sofern man die Möglichkeit hat, sind direkte Gespräche mit seinen zukünftigen Kollegen, um sich somit die nötigen Infos aus erster Hand zu holen.

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